11. April 2023

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Langenfeld/Monheim · Der Tag der Geschwister wird am Montag, 10. April, gefeiert. Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Langenfeld und Monheim gibt Tipps zum konfliktfreien und konstruktiven Miteinander in Familien. Die Herausforderungen in der heutigen Gesellschaft sind gestiegen. Der Umgang ist von Konkurrenz, Leistungsdruck, Besitzstreben und Individualität geprägt.

Der originale Artikel ist von Sandra Grünwald geschrieben und am 02.04.2023 in der Rheinischen Post erschienen.

Er ist online einsehbar unter https://rp-online.de/nrw/staedte/langenfeld/langenfeld-monheim-spielkameraden-und-rivalen_aid-87742305

Am 10. April wird der Tag der Geschwister gefeiert. Iris Welter von der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Langenfeld und Monheim berichtet über nicht immer ganz einfache  Beziehungen von Geschwistern untereinander und dem Verhältnis zu den Eltern.  Die Herausforderungen in unserer heutigen Gesellschaft seien gestiegen, sagt sie.

Stimmt es, dass der Trend mehr zum Einzelkind geht?

Welter Man kann sagen, dass gut die Hälfte der Kinder alleine aufwächst.

Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?

Welter Ein bedeutender Unterschied zu Kindern mit Geschwistern ist, dass ein Einzelkind die Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern für sich alleine hat. Das haben Geschwister nicht. Sie müssen teilen. Und darum drehen sich auch die meisten Konflikte.

Können Sie das näher erläutern?

Welter Wenn ein Kind beispielsweise noch sehr klein und bedürftig ist und muss dann Rücksicht nehmen auf ein noch kleineres und noch bedürftigeres Geschwisterkind, kann das problematisch werden, wenn das Kind noch unter drei Jahre alt ist. Denn dann kann es die eigenen Bedürfnisse noch nicht aufschieben, es ist nicht in der Lage zu teilen. Das entwickelt sich erst ab dem dritten bis zum fünften Lebensjahr.

Kann man sagen, dass Kinder um die Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern kämpfen?

Welter Die Schwester oder der Bruder werden als Rivale wahrgenommen. Deshalb ist es wichtig, dass jedes Kind auch einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit von beiden Elternteilen bekommt.

Sind Geschwister denn nicht auch Spielkameraden?

Welter Kinder spielen meist mit Gleichaltrigen. Je weiter die Geschwister zeitlich auseinander sind, desto weniger spielen sie miteinander.

Es heißt, Geschwister streiten oft. Ist das richtig?

Welter  In unserer westlichen Industriegesellschaft streiten sich Kinder laut Studien alle zehn Minuten. Das geht so bis zur Grundschule. Dann halbiert sich das auf alle 20 Minuten.

Wenn Sie sagen, dass es in unserer westlichen Industriegesellschaft so ist, heißt das, in anderen Gesellschaften läuft es anders?

Welter Unsere Gesellschaft ist von Konkurrenz, Leistungsdruck, Besitzstreben und Individualität geprägt. In indigenen Gesellschaften zählen Kooperation und die Einordnung in die Gemeinschaft. Der ganze Clan ist für die Kinder zuständig. Die Kinder sind es gewohnt, von älteren Kindern betreut zu werden. Sie bringen ihnen bei, was sie für diese Gesellschaft brauchen. Wenn sie Hilfe brauchen, wenden sie sich an Kinder und nicht an Erwachsene.

Das läuft in Deutschland ja komplett anders.

Welter Richtig, in Deutschland sind die Eltern für alles zuständig und dann meist die Mütter. Es gibt eine perfektionistische und ambitionierte Vorstellung von der Kindererziehung. Das bedeutet hohe Erwartungen und das meist ohne Hilfe einer Großfamilie. Hier ist auch die Politik gefragt, die Eltern bei der Betreuung besser zu entlasten.

Sollen Eltern in den Streit der Kinder eingreifen?

Welter Wenn es zu körperlichen oder seelischen Verletzungen kommt, müssen Eltern sich einmischen. Sie sollten aber nie Partei für ein Kind ergreifen. Es ist besser, nach Lösungen zu suchen, anstatt nach einem Schuldigen. Eltern sollten als Streitschlichter auftreten und zum Beispiel beiden eine gleichlange Redezeit geben. So lernen die Kinder, ihre Gefühle auszudrücken, aber auch die andere Seite zu verstehen. Jedes Kind will gesehen werden. Regeln aufstellen kann helfen. Aber auch eigene Lösungsstrategien unter den Kindern können gefördert werden. Wenn eines sich beschwert, dass es den Ball nicht bekommt, das Kind auffordern, sein Geschwisterchen selbst freundlich zu fragen, wann es den Ball haben darf.

Wie ist die Beziehung unter Zwillingen?

Welter Wegen des gleichen Alters eignen sie sich besonders gut als Spielkameraden. Aber der Start mit zwei gleich bedürftigen Säuglingen dürfte für die Eltern eine große Herausforderung sein. Noch in den 1950er Jahren hat man Zwillinge gleich angezogen. Einordnung und Anpassung waren zentrale Erziehungswerte. Das macht man heute nicht mehr. Wir wollen versuchen, Kinder in ihren Eigenheiten zu sehen, auch wenn das bei eineiigen Zwillingen besonders schwer ist. Jedes Kind sucht sich sowieso meist eigene Nischen, um der Konkurrenz aus dem Weg zu gehen. Hier ist es wichtig, die Rollen nicht festzuschreiben, sonst verkümmern vielleicht wichtige andere Talente.

Und wie sieht es bei Patchwork-Familien aus?

Welter Das ist in der Tat ein recht neues Phänomen, dass es immer differenziertere Geschwisterkonstellationen gibt. Stiefgeschwister, Halbgeschwister. Das ist ein ganz eigenes Kapitel. Hier muss zusammenwachsen, was sich vorher noch nicht kannte. Wichtig ist, dass sich jedes Kind weiterhin sicher, gesehen und gerecht behandelt fühlt in der Beziehung zu seinen Eltern. Nach etwa fünf Jahren können auch tragfähige Beziehungen zu den neuen Geschwistern entstehen.

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