15. Dezember 2022

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Der originale Artikel ist von Dorothee Schmidt-Elmendorff geschrieben und am 14.11.2022 in der Rheinischen Post erschienen.

Er ist online einsehbar unter https://rp-online.de/nrw/staedte/langenfeld/monheim-schulpsychologe-fabian-prinz-gibt-tipps-fuer-die-hausaufgaben_aid-79914661

Der Schulpsychologe klärt auf, wie viel Hilfe der Eltern bei Hausaufgaben nötig und sinnvoll ist. Er rät, kleine Ziele zu setzen, unbedingt Pausen einzurichten und das Kind zu belohnen, wenn es sich der Herausforderung Hausaufgabe gestellt hat.

Am Thema Hausaufgaben scheiden sich die Geister: Für viele sind sie eine schulische Schikane, die auch noch die Chancenungleichheit zementieren, weil Kinder aus bildungsfernen Schichten zu Hause nicht dieselbe Unterstützung erhalten wie Akademikerkinder. 

Welchen pädagogischen Wert haben Hausaufgaben?

Prinz In der Regel dienen Hausaufgaben dem Zweck, die Lerninhalte zu wiederholen. Also das, was man schon gemeinsam im Unterricht erarbeitet hat, zu vertiefen. Doch neben den eigentlichen Inhalten der Hausaufgaben lernen Kinder bei der Herausforderung Hausaufgaben viel, nämlich Verantwortung, Zeitmanagement und Selbstständigkeit. Besonders wichtig ist auch der Aspekt, Frustrationstoleranz zu erlernen, weil es manchmal nicht einfach ist, eine Aufgabe zu lösen.

Da gerade Erstklässler so etwas wie Zeitmanagement oder Selbstständigkeit noch nicht beherrschen, wie können Eltern ihre Kinder beim Erlernen dieser Tugenden unterstützen?

Prinz Grundsätzlich möchten Kinder ja wachsen, selbstständig werden und erfolgreich sein. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten. Aufgaben der Eltern ist es, diesen Prozess zu begleiten. Die bloße Anweisung: „Mach deine Hausaufgaben“ ist dabei gerade am Anfang zu komplex. Die Grundschulkinder brauchen konkrete, kleinschrittige Anleitungen, die im besten Fall immer nach dem gleichen Muster gegeben werden, so dass die Kinder eine eigene innere Struktur aufbauen können. Mit der können sie dann zunehmend alleine die Hausaufgaben bewältigen. Kinder haben oftmals am Anfang der Schullaufbahn kaum einen Überblick, was überhaupt zu machen ist. Insbesondere, wenn sie gerade von der anstrengenden Schule nach Hause kommen, Hunger haben und Freunde draußen darauf warten zu spielen. Alles steht und fällt am Anfang mit dem Rahmen, den Eltern stecken. Es ist günstig, wenn Eltern konkrete Zeiten für die Hausaufgaben festlegen und immer wieder Pausen einbauen.

Prinz Hausaufgaben sind häufig ein Streitthema in Familien. Kinder möchten spielen, raus, die Welt entdecken. Stillsitzen und an Matheaufgaben herumzuknobeln fällt da schwer. Wichtig sind da Ziele, Pausen und Belohnungen. Dabei sollte man nicht mit seinem Kind verhandeln, aber gleichzeitig Wahlmöglichkeiten lassen. So kann das Kind selbstwirksam bleiben. Das kann man machen mit Sätzen, wie: „Was meinst du, brauchst du nach 10 Minuten eine Pause von 5 Minuten? Dann können wir jetzt gemeinsam den Wecker stellen…“ Das Kind sollte spielerisch und motiviert an die Aufgaben herangeführt werden und dabei das Gefühl haben, mitentscheiden zu können.

Wie sehen, ganz allgemein, gute Lernbedingungen zu Hause aus?

Prinz Die sehen, je nach Kind, relativ unterschiedlich aus. Es muss nicht immer der Schreibtisch sein. Manche Kinder lernen besser alleine im Zimmer auf dem Boden mit Musik im Hintergrund. Manche brauchen Gesellschaft und ziehen den Küchentisch vor, während Elternteile gerade in der Küche beschäftigt sind. Dabei sollte aber zu große Ablenkungen vermieden werden. Das Handy, andauernd aufblinkenden Nachrichten, ist der Konzentrationskiller in unserer Zeit. Gerade die Fähigkeit, sich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, wird heute häufig nicht mehr erlernt. Nicht zu vergessen ist hier auch die Vorbildfunktion der Eltern. Prinzipiell ist natürlich ein ordentlicher und ruhiger Ort ohne Ablenkungen für die meisten Kinder der beste Ort zum Lernen.

Oft heißt es, Hausaufgaben mindern die Chancengleichheit. Aber ein Kind, für das die Eltern die Aufgaben machen, also alle Probleme lösen, lernt ja auch nicht viel..

Prinz Lerneffekte können besser wirken, wenn nicht die Eltern für die Erfolge verantwortlich gemacht werden, sondern sich das Kind selbst den Erfolg zuschreiben kann. Deshalb ist es richtig, dass Kinder weniger lernen, wenn die Eltern die Hausaufgaben für das Kind übernehmen. Grundsätzlich ist es aber eine Sache zwischen Kind und Lehrkraft zu klären, was genau wann gemacht wird. Eltern sollten nicht zu sehr in die Situation gebracht werden, die Rolle der Lehrkraft zu übernehmen. Ihre Kernaufgabe ist die Begleitung und das Stärken der Kindern, damit sie Aufgaben selbstständig übernehmen können. Ein Feedback, auch wenn es gut gemeint ist, kann manchmal dabei hinderlich sein, weil man sich so über das Kind stellt und eine Bewertungsrolle einnimmt. Es ist wichtiger, sich für das, was das Kind zu tun hat, zu interessieren und das zu wertschätzen.

Wie erkennen Eltern denn, dass ihre Kinder tatsächlich mit den Hausaufgaben überfordert sind und nicht nur ein Motivationsproblem haben?

Prinz Für mich schließen sich diese beiden Dinge nicht aus. Auch wenn man als Erwachsener vor einer unlösbaren Aufgabe steht, dann sinkt unsere Motivation, überhaupt die Aufgabe anzugehen, da wir keinen Erfolg erwarten. Deshalb ist es wichtig, Kinder, die damit Probleme haben, diese Erfolge zu ermöglichen. Das muss nicht immer das Lösen der konkreten Aufgabe sein. Auch das strukturierte Herangehen an Aufgaben sollte belohnt werden, etwa mit einem Lernplan und der Aussicht, dass man dann mit breiter Brust morgen in die Schule gehen kann, weil man sich der Herausforderung gestellt hat. Ob das Ergebnis erreicht wurde,..Das zu beurteilen, ist Aufgabe der Lehrkraft. Der häusliche Lernplan hat die Funktion, die Aufgaben in kleinere Einheiten zu teilen, damit man Erfolge feiern kann. Denn wenn das Kind jedes Mal einen Misserfolg hat, wird es sich ungern neuen Herausforderungen stellen.

Die neu gegründeten Grundschulen in Monheim basieren auf dem Konzept, dass es keine Hausaufgaben geben soll – auch um Eltern aus den Lernprozessen auszuschließen. Wie viel Kontrolle sollten Eltern darüber haben?

Prinz Da kann ich den Kontakt mit der Schule empfehlen: Es geht, gerade am Anfang der Schule, nicht um gute Noten, sondern um das Gemeinschaftliche in der Schule. Daher gibt es auch die ersten beiden Schuljahre keine Benotung. Die Schulen haben da unterschiedliche Konzepte. Wichtig ist, dass die Eltern den Schulterschluss mit der Schule üben, um dem Kind die Relevanz der Aufgaben zu signalisieren. Wenn das Kind zusätzlich gefördert wird, um bessere Noten in dem einen oder anderen Fach ermöglichen, dann ist das hinderlich, weil sich das Kind im Unterricht langweilt und zum Außenseiter wird. Ein Paradebeispiel ist das Schreiben lernen, was einige Eltern ihren Kindern schon im Kindergartenalter beibringen. Während sich dann die Klassengemeinschaft gemeinsam der Herausforderung stellt, einen Buchstaben nach dem anderen zu lernen, sitzt das Kind, was schon lesen und schreiben kann, gelangweilt und als Außenseiter daneben. Das kann schwierig sein für die soziale und emotionale Entwicklung.

Nun zeigt sich das System Schule ja gerade in diesen Zeiten besonders krisenanfällig und damit dysfunktional: Durch Corona und den durch Lehrermangel bedingten Unterrichtsausfall wurde und wird das Lernen sehr in den häuslichen Bereich verlagert, was natürlich die Familien sehr belastet. Wie haben sich diese Probleme in der Beratungsstelle offenbart?

Prinz Während der Schulschließungen fanden sich viele Eltern auf einmal in der Rolle der Lehrkraft wieder, die Aufgaben stellte und korrigierte. Für viele war es schwierig, diese Doppelrolle auszufüllen, gerade, wenn sie beruflich stark belastet waren und zusehen zu mussten, wie ihr Kind immer trauriger und frustrierter wurde. Es war gut, das belastete Familien zum Beispiel in unserer Beratungsstelle darüber reden konnten und Hilfe bekamen. Als die Schule dann wieder in Präsenz anfing, prallten die unterschiedlichen Lernniveaus in der Schule aufeinander: Die einen waren entweder gelangweilt oder konnten sich stolz über andere hinwegsetzen, die anderen überfordert. Dann ist es schwierig, wieder eine Klassengemeinschaft herzustellen. Es wird seitens der öffentlichen Hand versucht, das mit Förderpaketen wieder aufzuholen. Man sollte denjenigen, die durch Corona nicht so viel erreicht haben, mehr Lernerfolge ermöglichen und sie stärker motivieren. Für viele Eltern, die dann viel Kontrolle über die Lernprozesse übernommen hatten, war es schwer, aus der Lehrerrolle wieder herauszukommen. Auch diese Rollentrennung war und ist oftmals Thema in unserer Beratungsstelle.

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